Wilson’s Heart

Oculus Rift Spiele
8

VR-World Rating

9.7

VR-User

Herz? Verloren.

Im schwarz-weißen Psycho-Adventure Wilson’s Heart erkundet ihr Stück für Stück die verlassenen Korridore eines Krankenhauses auf der Suche nach eurem Herzen, das euch wortwörtlich aus der Brust gerissen wurde. Wie viel Herzblut Entwickler Twisted Pixel hinein gesteckt hat, klären wir im Test.

Genauer gesagt wurde dem Kriegsveteran Robert Wilson das Herz entnommen und wir steuern im Oculus Rift und Touch-exklusiven Titel dessen Geschicke. Dabei geht es nicht nur darum, unser Herz wiederzufinden. Wir versuchen ebenso herauszufinden, welche mysteriösen Umstände das Krankenhaus in seinen zerstörten, chaotischen und ausgestorbenen Zustand gebracht haben.

Alles, was gruselt

Zu Beginn erwachen wir im Krankenbett gefesselt an eine Maschine, die offensichtlich nicht zur Ausstattung eines Krankenhauses gehört. Zumindest nicht zu einem, das seinen Patienten versucht zu helfen. Vor uns fehlt ein beachtlicher Teil des Mauerwerks und Daches des Flügels. Draußen tobt ein vernichtendes Gewitter. Nebel und Wolken verdecken den Blick auf das Umland. Im Rezeptionsbereich rufen wir Hilfe über ein Telefon und werden ausgelacht. Um uns herum sprühen Funken, Wände sind eingerissen, Lichter flackern.

Alles wirkt, als wären Patienten, Ärzte und Personal von einer auf die andere Sekunde unfreiwillig verschwunden. Wir treffen auf zwei Krankenschwestern, die nicht bemerkt haben oder es nicht bemerken wollen, was gerade im Krankenhaus vor sich geht. Wir zweifeln kurz an unserem Verstand, doch unsere Ansicht gewinnt, da beide noch während unseres Gesprächs das Zeitliche segnen. Die ersten wahren Überlebenden, die wir treffen, sind Elsa Wolcott, eine junge medizinische Assistentin, Bela Blascó, ein Chirurg des Krankenhauses, Lucy Holmes, ein kleines Mädchen und Kurt Mosby, ein etwas zwielichtiger Charakter.

Unsere Entourage: Kurt, Elsa, Lucy, Bela. © Twisted Pixel

Bela offenbart uns, dass wir keinen Puls haben, unser eigentliches Herz entfernt und durch ein mysteriöses Artefakt ersetzt wurde. Elsa erklärt, dass der Chefarzt eine Obsession mit übernatürlichen Fähigkeiten hat und verspricht uns anhand eines gefundenen Notizbuches Hilfe. Allerdings fehlen dem Buch Seiten, die wir erst finden müssen, bevor wir unser altes Herz zurückerlangen können.

Wilson’s Heart schafft eine großartige Atmosphäre, die nicht nur stimmig das Noir-Flair der 1940er Jahre und das Unbehagen, nicht mehr ganz bei Verstand zu sein, verbreitet, sondern uns direkt in ihren Bann zieht. Zu Beginn funktioniert das sehr konsequent und alles passt zunächst zusammen. Mit der Zeit verwässert Wilson’s Heart seine Geschichte und setzt uns immer neue Horror- und Thriller-Motive vor die Nase. Dabei verpasst das Spiel, diese in die Geschichte unserer Suche einzuordnen.

Mit Herz, Faust und Bratpfanne

Unser mystisches Ersatz-Herz hält uns nicht nur irgendwie am Leben, sondern kommt mit allerhand Fähigkeiten daher. Bei Bedarf ziehen wir uns das Herz aus der Brust, stellen es auf die benötigte Fertigkeit ein und verwenden es. Über gefundene Notizbuchseiten bekommt das Herz neue Features. Als eine der ersten Funktionen werfen wir das Herz als eine Art steuerbaren Bumerang auf Gegner. Oder wir verwenden die Magnetfunktion, um entfernte Schlüssel an uns zu reißen. Unser mystisches Herz nach und nach mit neuen Funktionen auszustatten, passt wie die Faust aufs Auge zur Geschichte und funktioniert spielerisch tadellos. Zumindest grundlegend.

Die Ärzte. Anno 1940.  © Twisted Pixel

Denn Wilson’s Heart plagt das gleiche Wurf-Problem wie viele andere Titel: Von Zeit zu Zeit registrieren die Sensoren im Controller unseren Wurf nicht so wie wir ihn durchgeführt haben und unser Herzgeschoss verhungert auf dem Weg zur näherkommenden Bedrohung. Bis wir es wieder werfen können, hat uns der Gegner schon längst erlegt.

Dann müssen wir den Kampf wieder von vorne beginnen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn nicht alle Kämpfe in Wilson’s Heart durch die Bank weg viel zu lange dauern würde. Egal, wie wir die Kämpfe bestreiten, ob mit unserem Herzen, unseren Fäusten oder herumliegenden Gegenständen, jede Auseinandersetzung verfolgt ein bestimmtes Muster, das sich während eines Kampfes nicht ändert. Da sich das Muster pro Kampf gefühlt zu oft wiederholt, fühlen sich die Scharmützel schnell repetitiv an und beeinflussen die Taktung, auch Pacing genannt, des Spiels negativ.

Gut kombiniert, aber warum?

Einen weiteren Teil von Wilson’s Heart verbringen wir damit, die Räumlichkeiten zu erkunden und kleinere Rätsel und Aufgaben zu lösen. Wir öffnen und durchsuchen Schränke und Schubladen, betrachten Bilder und saugen das Flair der Räume auf. Kommen wir mal durch eine Tür nicht durch oder bleibt ein Schrank verschlossen, finden wir meist im selben Raum, wenn nicht aber zumindest in der Nähe einen Schlüssel oder eine andere unorthodoxe Lösung zur Öffnung von Tür und Tor.

Schlösser knacken: Können wir, denn wir haben vorher das benötigte Werkzeug gefunden. © Twisted Pixel

Zwar sind wir in unseren Erkundungstouren an die vorgegebenen Punkte des Teleportationssystems von Wilson’s Heart gebunden, dennoch empfinden wir das Erkunden der Schauplätze als Highlight des Adventures. Das liegt vor allem an den liebevoll gestalteten Umgebungen, die gekonnt die Atmosphäre von Wilson’s Heart bestimmen. Während wir einen Raum inspizieren, blicken wir immer wieder über unsere Schulter, um sicher zu gehen, dass hinter uns nicht plötzlich jemand oder etwas auftaucht.

Die Rätsel, die wir auf der Suche nach unserem Herzen lösen, bestechen durch ihre Abwechslung. Mal verwenden wir unser Herz, um uns entfernte Schlüssel anzueignen, drehen ganze Räume oder lösen kompliziertere Rätsel, bei denen wir Gemälde oder Fotos richtig anordnen. Viele der Rätsel gehen uns dabei einfach von der Hand. Wir verstehen die Prämisse und kommen recht schnell und logisch zur Lösung.

Wie der Chefarzt gestorben ist, erfahren wir nicht. © Twisted Pixel

Andere Rätsel erschließen sich uns in ihrer Funktionsweise, aber auf die Lösung kommen wir nur durch stumpfes herumprobieren. Dazu gesellt sich, dass wir, je weiter wir in der Geschichte voranschreiten, immer weniger verstehen bzw. erklärt bekommen, warum wir zum Beispiel gerade Bela, Elsa und Co. aus Bildern, Comics oder Zeitungsartikeln retten. Wir können es immer als Wahnvorstellung unseres verschwindenden Verstands deuten, aber das greift uns zu kurz.

Gedrittelt, bitte.

Ein bisschen Geschichte mit Bela, Elsa und Konsorten, dann ein Kampf, Erkunden, wieder ein Geschichtshappen, und so weiter und so fort. Wilson’s Heart besteht grundlegend aus diesen drei Blöcken, die es konsequent einhält. Grundsätzlich ist das nicht weiter schlimm, da eine solche Aufteilung bei Spielen durchaus üblich ist. Das Problem von Wilson’s Heart liegt vielmehr darin, wie diese Blöcke aufeinander folgen.

Wir untersuchen, beispielsweise, gerade mit Elsa einen Leichnam in dem wir einen Seitenteil des Notizbuchs finden, als plötzlich ein Gehirn im Taucheranzug durch die Wand bricht, Elsa schnappt und mit ihr abdampft. Bevor wir irgendwie die Verfolgung aufnehmen oder das Geschehene verarbeiten können, platzen aus dem Leichnam Froschwesen heraus, die wir bekämpfen müssen. Nichts von alle dem hat sich im Vorhinein angedeutet oder steht für uns in diesem Moment in irgendeinem Zusammenhang.

Der schwarz-weiß Stil des Adventures besitzt sein ganz eigenes Flair. © Twisted Pixel

Wilson’s Heart hat zum einen ein Problem mit dem Pacing. Interessante und spannende Stellen gehen zu schnell vorüber oder fühlen sich unbefriedigend an, während andere – hierzu zählen vor allem die Kämpfe – zwar befriedigend sind, aber durch ihre lange Dauer und ihren repetitiven Aufbau, negativ im Gedächtnis bleiben.

Rift‘sche Zwangsjacke

Zum anderen bevormundet Wilson’s Heart uns sehr stark. An vielen Stellen fehlt uns die Erklärung, warum wir gerade das machen, was wir machen und warum wir gerade dort sind, wo wir sind. Grundlegend liegt das Problem in den Bestimmungen von Oculus. Denn zur Vermeidung von Motion Sickness und aufgrund des fehlenden Roomscalings begünstigen diese eine Verwendung von Hotspot-basierter Teleportation zur Fortbewegung.

Noch nie hat sich ein virtuelles Streichholz anzuzünden so richtig angefühlt wie in Wilson’s Heart. © Twisted Pixel

Darauf baut dann auf, dass wir uns nur an Orte teleportieren können, an denen es etwas zu entdecken gibt. Alles andere würde wahrscheinlich zu großer Frustration führen. Anstatt unsere Hand in anderen Belangen etwas lockerer zu lassen, uns mehr Interaktionsmöglichkeiten, mehr Gegenstände und ein Inventar zu geben, zieht uns Entwickler Twisted Pixel an sich heran und beginnt unsere Hand zu quetschen.

In Wilson’s Heart dürfen wir nämlich nur die Gegenstände anfassen, die wir wirklich brauchen. Haben wir einen Schraubenzieher gefunden, begeben wir uns automatisch auf die Suche nach etwas, dass wir aufschrauben können. Hat der Schraubenzieher seinen Dienst verrichtet, verschwindet er. Das bedeutet zum einen, das Wilson’s Heart kaum Wiederspielwert mit sich bringt, zum anderen aber auch, dass wir die Geschichte zwar leben, aber uns nicht wie ein aktiver Teil der Geschichte fühlen. Übertrieben formuliert, schleift uns das Spiel von einer Szene zur nächsten und lässt uns hier und da eine Seite des Notizbuchs finden.

Stilvoll den Verstand verlieren

Doch warum meckern und zetern wir hier eigentlich so viel? Wilson’s Heart ist ein wunderbares Spiel und großartiges VR-Erlebnis. Grafisch gibt es absolut gar nichts am Spiel auszusetzen. Der schwarz-weiß Stil gibt dem Krankenhaus ein ganz spezielles Flair. Die Charaktermodelle unterstützen die Gesinnung unserer verschiedenen Mitstreiter und sind butterweich animiert.

Schwierig zu erkennen, aber hier werden wir von einem lichtscheuen Wesen aus der Dunkelheit angegriffen. © Twisted Pixel

Zusätzlich wurden bekannte Schauspieler, wie Rosario Dawson (Sin City) oder Peter Weller (Star Trek: Into the Darkness) engagiert, die den Charakteren ihre Stimmen leihen. Der Soundtrack kommt vom bekannten Hollywood-Komponisten Christopher Young (Spider-Man 3) und gibt der Atmosphäre gemeinsam mit der großartigen Soundkulisse den letzten Schliff.

Mit Wilson’s Heart geht Entwickler Twisted Pixel einen großen Schritt in die richtige Richtung. Dennoch: Der Schritt könnte größer sein. Wilson’s Heart macht vieles richtig und darf sich momentan die Referenz-Krone für VR-Adventures aufsetzen. Der große Meilenstein für VR-Spiele bleibt aber auch mit Wilson’s Heart aus. Leider.

Wilson’s Heart erhaltet ihr ausschließlich für die Oculus Rift und Touch im offiziellen Oculus Store.

Das ist gut

  • Dichte Atmosphäre
  • Grafisch großartig umgesetzt
  • Professionelle Sprecher
  • Einnehmende Soundkulisse
  • Intuitive Steuerung über Touch Controller
  • Wunderbare Ideen und Ansätze

Das geht besser

  • Unausgewogenes Pacing
  • Stellenweise zu repetitiv
  • Zu wenig Freiheiten

Fazit

Oh, Herz des Wilson, was war das für eine Berg- und Talfahrt mit dir. Du zeigst mir großartige Momente, erschreckst mich hier und da gekonnt, aber nicht zu arg, ziehst mich in deine schwarz-weiße Welt hinein und ziehst mich dann am Ohrwaschel durchs Krankenhaus. »Nimm das mit«, »Benutz es hier«, »Hier hast du eine neue Fähigkeit, benutz sie genau jetzt, sonst nicht«, sagst du. Setzt mich wortlos vor Rätsel als wären es Tests. »Find doch selbst raus, warum du Bela B. retten musst«, raunst du genervt. Trotz deiner Übermutterung und der stellenweise Kaugummi-artigen Kämpfe, hatte ich Spaß und hab mich unterhalten gefühlt. Falls du jemals wiederkommen solltest, sei es mit einem Sequel, als Remake, Reboot oder Remastered UHD Hyper-Edition, wünsche ich mir Freiheit, Wilson's Heart. Du musst lernen, ab und zu los zu lassen.
8

VR-World Rating

Gameplay: 7
Steuerung: 9
Immersion: 9
Story: 7
Grafik: 9
Sound: 9
Umfang: 8

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