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Die besten VR-Filme der Filmfestspiele von Venedig 2018

SPHERES ©Protozoa Pictures, Eliza McNott

Dieses Jahr feierte das Filmfestival von Venedig (29.08 – 08.09 2018) sein 75. Jubiläum. Kaum zu glauben, dass diese altehrwürdige Institution so ein neues Medium wie Virtual Reality unter seine Fittiche genommen hat. Und doch, die Ausstellung wurde ein voller Erfolg. 

Zum zweiten Mal trafen sich in diesem Jahr VR-Schaffende auf der kleinen Insel Lazzaretto Vecchio vor den Toren Venedigs. Denn die dem Filmfestival angehörige VR-Sektion Venice VR bietet als einziges Festival weltweit einen eigenen Wettbewerb für VR-Erfahrungen. Die 30 Nominierten konkurrierten um insgesamt drei Preise. Was waren die Highlights und welche Projekte haben gewonnen?

Stationäre VR-Erfahrungen: The Horrifically Real Virtuality & Umami

Als ich auf der Insel eintraf, fielen mir sofort die vielenstationären VR-Erfahrungen des Festivals auf. Wie vorab bereits zu erahnen war, stellten sie die Höhepunkte des diesjährigen Festivals dar. Doch mehr noch: Allein drei der insgesamt 11 Installationen beinhalteten den Auftritt eines oder mehrerer Schauspieler.

In The Horrifically Real Virtuality von Marie Jourdren ist ein Paradies für Filmliebhaber. © DVGroup

The Horrifically Real Virtuality von Marie Jourdren ist ein Paradies für Filmliebhaber. © DVGroup

Dabei am auffälligsten: The Horrifically Real Virtuality, eine schräge Hommage an den „schlechtesten Regisseur aller Zeiten“ Ed Wood. Zu sechst traten wir direkt in ein Filmset ein, das in einem großen Raum errichtet war. Dort sollten wir auf Geheiß des unter Zeitdruck geratenen Regisseurs den Film zu Ende drehen, sprich: die Kamera bedienen und Sound-Effekte auslösen.

Erst danach ging es in die VR-Brillen. In der schwarz-weißen Filmwelt konnten wir das Ergebnis unseres Drehs bestaunen und sogar mit dem Helden sprechen. Dieser wurde wie zuvor schon außerhalb der VR-Brillen auch in der virtuellen Welt von einem Schauspieler verkörpert.

Ein ähnliches Prinzip verfolgte Umami, doch das Thema war ein sehr viel ernsteres. Ein Gefängniswärter führte mich – diesmal alleine – in einen Vorraum, wo ich eine orangene Gefängniskluft anlegen musste. Dort sah ich durch eine Scheibe hindurch, wie ein Mann im Nachbarraum als Strafe für einen Mord, den man ihm zur Last legte, erhängt wurde.

Auch mich brachte der Wärter nun in den zweiten Raum, wo ich auf sein Geheiß hin die VR-Brille aufsetzten musste. An einem Tisch hockend wurde mir nun in einem kunstvoll gestalteten VR-Animationsfilm die letzte Mahlzeit „meines“ Lebens, die Henkersmahlzeit, präsentiert. Der Film fühlte sich dank eingesetzter Gerüche und echter Objekte auf dem Tisch erschreckend real an.

Home After War & X-Ray Fashion: Immersive Bildung mit VR

Auch weitere Projekte waren darauf aus, das Erlebnis möglichst immersiv zu gestalten. Jedoch ohne Schauspieler, denn es handelte sich um dokumentarische Projekte: In Home After War, einer von zwei Oculus-Koproduktionen in Venedig, betrat ich ein Haus in der irakischen Stadt Fallujah.

Home After War Installation beim Venedig Filmfestival © Now Here Media, Felix Gaedtke

Die Installation war der nachgebaute Eingangsbereich des Hauses, das die Zuschauer in VR erkunden konnten. Ein Experte der an dem Projekt ebenfalls beteiligten Organisation Geneva International Centre for Humanitarian Demining (GICHD) beantwortete anschließend Fragen. © Now Here Media, Felix Gaedtke

Es war mit Hilfe von Fotogrammetrie (NowHere Media in Zusammenarbeit mit Realities) gescannt worden und ich konnte es so eigenständig in VR erkunden. An bestimmten Stellen aktivierten sich 360-Grad-Filme, die das Leben der Hausbesitzer und ihrer Familie zeigten.

Dabei unterstützten Fußbodenbewegungen und Gerüche das Erlebnis in der Brille. Inhaltlich war es eine der emotionalsten VR-Erfahrungen in Venedig: Es geht darin um Bomben, die der IS nach dem Abzug der ehemals besetzten Stadt in den Häusern hinterließ. Viele der geflohenen Bewohner kamen durch die Sprengsätze bei der Rückkehr in ihre Heimat ums Leben. Home After War erzählt ihre Geschichte.

X-Ray FAshion beim Filmfestival Venedig © Francesco Carrozzini

Die Installation X-Ray Fashion zeigt abwechselnd 360-Grad-Filme und eine VR Roomscale Erfahrung. Während dieser Szene stehen die Zuschauer mit den Füßen im Wasser. © Francesco Carrozzini

Bei der nächsten Installation musste ich vorab meine Schuhe ausziehen: Sie hieß X-Ray Fashion und entstand im Rahmen der von der Weltbank ins Leben gerufenen Initiative Connect4Climate. Darin lief ich mit der VR-Brille auf dem Kopf durch eine computer-generierte, schwarz-weiße Umgebung und über einen Laufsteg.

In regelmäßigen Abständen konnten meine nackten Füße verschiedene Untergründe ertasten wie Stein- oder Lehmboden, oder auch auf die Erde gefallene Stoffreste. Dieses Gefühl verstärkte die Immersion der 360-Grad-Filme, die währenddessen zu sehen waren – erschreckende Fakten rund um die globale Textil-Industrie inklusive.

Von Buddy VR bis The Great C: VR-Filme mit Unterhaltungswert

Ganz besonders großen Spaß gemacht haben die VR-Animationsfilme und boten eine willkommene Unterhaltung zwischen all den ernsten Themen. So integrierte der amüsante und mit hohem Star-Aufgebot erscheinende Film Crow: The Legend interaktive Elemente, bei denen ich selbst eine Nebenrolle einnehmen und kräftig mit den Armen wedeln durfte.

Ganz ähnlich funktionierte übrigens auch Buddy VR, ein interaktiver VR-Film rund um die kleine Ratte Buddy, die in einem Süßigkeitenladen lebt. Die Zuschauer verstecken sich gemeinsam mit Buddy vor einem aggressiven, kleinen Mädchen, das ihm an den Kragen will. Buddy VR gewann den Preis als beste interaktive VR-Erfahrung.

Auch viele der in Venedig gezeigten, nicht-interaktiven Animationsfilme setzten neue Impulse für die Fortentwicklung des VR-Films. The Great C, eine 30-minütige Adaption der gleichnamigen Kurzgeschichte von Philip K. Dick, bewies, dass Kamerafahrten und szenische Zwischenschnitte durchaus kein Tabu mehr in VR sind.

Und Lucid, ein Drama rund um eine Mutter und ihre junge Tochter, zeigte mit einem beeindruckend gut ausgearbeiteten Drehbuch, wie sich klassische Film-Dramaturgie in virtuellen Welten umsetzen lässt. Überhaupt waren weibliche Hauptfiguren oft vertreten:

Denn außer Konkurrenz liefen die beiden gelungenen Filme Battlescar und Arden’s Wake: Tide’s Fall. So unterschiedlich sie auch sein mögen, beide erzählen die Abenteuer mutiger, junger Frauen und spielen gekonnt mit verschiedenen Perspektiven in VR. Im Vergleich zu dieser starken Konkurrenz wirkte der eigentlich recht schöne Film Age Of Sail leider schwach.

Die großen VR-Festival-Gewinner: L’Île Des Morts & Spheres

Die großen Gewinner des Festivals waren VR-Erfahrungen, bei denen wir etwas lernen können. Den Preis für die beste lineare Geschichte in VR gewann L’Île Des Morts. Es ist eine VR-Adaption der bekannten Gemälde-Reihe Die Toteninsel des Schweizer Malers Arnold Böcklin.

Ruhig fahren wir darin in einem Boot durch das Meer auf die dunkle Insel zu, während uns eine Stimme aus dem Off das Bild und seine Entstehung nahe bringt. Der Kultursender ARTE war Ko-Produzent und so werden wir die VR-Erfahrung voraussichtlich im Herbst in der App ARTE360 VR veröffentlicht sehen.

L'Île Des Morts © Les Produits Frais

L’Île Des Morts von Regisseur Benjamin Nuel hat einen der begehrten Preise beim Filmfestival in Venedig gewonnen. © Les Produits Frais

Die höchste Auszeichnung, nämlich den Hauptpreis für die beste VR-Erfahrung, gewann die Trilogie SpheresErstmals konnten in Venedig alle drei Folgen hintereinander erlebt werden. Regisseurin Eliza McNitt lässt ihr Publikum in einer kreativen Mischung aus Kunst und Wissenschaft durchs All fliegen und zeigt, dass das Universum voller Klänge steckt.

Auf der poetischen Reise konnte ich die Geräusche von Planeten, Sternen und sogar einem schwarzen Loch hautnah erfahren, indem ich den Kopf in einen der Himmelskörper steckte oder sie mit den Controllern berührte. Schon vor dem Festival in Venedig hat Spheres übrigens Schlagzeilen gemacht. Zu sehen sein wird Spheres wohl ab Herbst 2018 auf der Oculus Rift.

Ebenfalls beeindruckt haben mich zwei weitere Erfahrungen, die Geschichte ganz neuartig aufbereiten. Eine stammt von der in VR so experimentierfreudigen BBC: 1943: Berlin Blitz konnte in Venedig erstmals erlebt werden und lieferte ein beeindruckendes Zeugnis aus dem zweiten Weltkrieg (mehr dazu unter diesem Link).

Zuletzt sei noch The Unknown Patient genannt. Dies ist die erste Episode einer geplanten interaktiven VR-Serie. Basierend auf einer wahren Geschichte spielt sie Anfang des 20. Jahrhunderts in Australien und behandelt das Schicksal eines ehemaligen Soldaten. Er litt an schwerer Amnesie und niemand wusste, wer er war. In der VR-Erfahrung erleben wir die Geschehnisse aus seiner Sicht, eine Mischung aus gründlicher Recherche und beklemmenden Bildern.

Eclipse & Kobold: VR-Spiele am Rande des Festivals

Einzig VR-Spiele kamen recht kurz in Venedig – doch schließlich war die Ausstellung ja Teil eines Filmfestivals. Ein paar wenige Spiele gab es dann aber trotzdem. Da war zum einen Eclipse, ein Abenteuer im Mehrspieler-Modus mit wackelndem Boden und Ganzkörper-Tracking – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Spiel bei Daydream. In Frankreich ist Eclipse bereits in den ersten Arcades zu erleben.

In der Mischung aus Escape-Game und The Void befanden wir uns zu viert in einem verlassenen Raumschiff und mussten herausfinden, was mit der Crew passiert war. Die Spieler sind dabei dringend auf die Teamarbeit angewiesen, ohne gegenseitige Hilfe können sie die Rätsel nicht lösen. Das hat zwar großen Spaß gemacht und erinnerte an Exit VR: Huxley, dennoch konnte die Geschichte des Spiels einige Fragen am Ende nicht befriedigend beantworten.

Ein eher klassisches Spiel ist das Horror-Game Kobold. In einem Gruselhaus – auch hier dank Fotogrammetrie erschreckend realistisch – müssen wir einen kleinen Jungen finden und ihn vor einem bösartigen Wesen retten. Dank dem Kobold waren auf dem Festival immer wieder laute Schreie zu hören. Kobold soll für zuhause und auch in Arcades erscheinen.

Noch bis Oktober 2018 online: 360-Grad-Filme aus Venedig

Zwischen all den VR-Erfahrungen gingen die 360-Grad-Filme leider ein wenig unter. Zwar durfte das Publikum sie in einem großen, offenen Raum auf Samsung Gear VR-Brillen erleben, doch jeder Film wurde nur ein bis zwei Mal am Tag zu festgelegten Zeiten gezeigt. Das war im Programm leicht zu übersehen. Dabei befanden sich durchaus spannend gemachte und filmisch interessante Projekte darunter.

Besonders gefallen haben mir die Spielfilme Ballavita aus Österreich und Metro Veinte: Cita Ciega aus Argentinien. Umso schöner ist, dass einige der 360-Grad-Filme noch bis zum 8. Oktober in der App VRrOOm für Smartphones oder auf der HTC Vive (bei Viveport) und der Oculus Rift im Oculus Store kostenlos zu sehen sind.

SPHERES-Regisseurin Eliza McNitt gewinnt den Preis für die beste VR-Erfahrung in Venedig. In der Jury waren die dänische Regisseurin Susanne Bier, der italienische Schriftsteller Alessandro Baricco und die Schauspielerin Clémence Poésy aus Frankreich. © La Biennale di Venezia

SPHERES-Regisseurin Eliza McNitt gewinnt den Preis für die beste VR-Erfahrung in Venedig. In der Jury waren die Regisseurin Susanne Bier, der Schriftsteller Alessandro Baricco und die Schauspielerin Clémence Poésy. © La Biennale di Venezia

Was bleibt nun vom Festival? Michel Reilhac und Liz Rosenthal, die beiden Kuratoren, wollten in Venedig das Beste zusammenbringen, was die VR-Welt derzeit zu bieten hat. Ob ihnen das gelungen ist? Das ist schwer zu beurteilen.

In jedem Fall konnten sie mit Bravour zeigen, wie groß die künstlerische Bandbreite in VR-Werken mittlerweile ist und mit welcher Kreativität an immer neuen Formaten gearbeitet wird. Spätestens jetzt dürfte klar sein, dass sich VR als eigenständige Kunstform fest etabliert hat.

Wie findet ihr das Festival-Lineup? Was sind die Erfahrungen, die ihr gerne selbst sehen oder erleben wollt? Schreibt es uns in die Kommentare!

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