Wie VR & AR das Museum der Zukunft bereichern

Wie VR & AR das Museum der Zukunft bereichern

In vielen Branchen herrscht starkes Interesse an Virtual Reality und auch die Kultur- und Museumslandschaft beginnt auf die audiovisuellen Qualitäten von VR und AR zu bauen. Wir haben uns für euch angeschaut, welche Museen und Ausstellungen bereits heute auf die immersiven Technologien zurückgreifen.

Virtual Reality stellt für viele von uns vor allem eine Möglichkeit dar, Videospiele und Filme auf komplett neue Art zu erleben. Insbesondere die Games-Branche ist schließlich einer der Haupttreiber des neuen Mediums. VR und verwandte Technologien wie Augmented bzw. Mixed Reality können aber noch viel mehr als „nur“ unterhalten.

In diesem Artikel erfahrt ihr:

  • Wie Museen mit AR und VR spannender werden können
  • Welche Augmented- und Virtual Reality-Erfahrungen es in Museen bereits gibt
  • Wie ihr euch VR- und AR-Museumserfahrungen nach Hause holen könnt

Virtual Reality bietet uns die Möglichkeit, mit künstlichen Objekten zu interagieren, weit entfernte Orte zu besuchen oder eigentlich unmögliche Dinge zu erleben. In VR begutachten wir unbezahlbare Kunstwerke aus nächster Nähe oder bereisen Lichtjahre entfernte Planeten. Kein Wunder also, dass sich Museen und andere kulturelle Institutionen die Qualitäten der virtuellen Realität zunutze machen wollen.

Die klassische Museumserfahrung wirkt heutzutage oft etwas aus der Zeit gefallen. © Daniel H. Tong via Unsplash

Die klassische Museumserfahrung wirkt heutzutage oft etwas aus der Zeit gefallen. © Daniel H. Tong via Unsplash

Willkommen im immersiven und interaktiven Museum

Museen aller Art stehen vor einer großen Herausforderung: Sie konkurrieren mit einem riesigen Angebot an Freizeitaktivitäten um ihre Besucher. Jüngere Generationen schreckt zudem die Vorstellung von angestaubten Ausstellungsstücken und eintönigen Texttafeln zusätzlich ab. Besonders wenn doch anderswo der interaktive Medienzirkus lockt.

Das Museumserlebnis muss deshalb einnehmender, interaktiver, und persönlicher werden – das haben inzwischen auch Museumsbetreiber und Ausstellungskuratoren begriffen. Entsprechend arbeiten einige Museen bereits seit geraumer Zeit daran, ihre Ausstellungen mit digitalen Technologien aufzupeppen. In diesem Kontext spielen auch VR und AR eine zunehmend wichtigere Rolle.

Im American Museum of Natural History in New York lässt sich beispielsweise die digitale Computertomographie eines Makohais über das reale Modell des Tieres legen. Per Tablet oder speziellem AR-Headset werden wir als Besucher dafür quasi mit einem digitalen Röntgenblick ausgestattet.

Darüber hinaus erhalten wir die Möglichkeit, den digitalen Hai auf Knopfdruck los schwimmen oder zubeißen zu lassen. Im Gespräch mit theverge.com benennt Vivian Trakinski, deren Team die AR-Anwendungen des Museums entwirft, die Vorteile digitaler und interaktiver Technologien:

Es ist keine passive Erfahrung, bei der wir den Leuten etwas erzählen. Die Besucher bringen sich selber etwas bei, indem sie mit den wissenschaftlichen Artefakten interagieren.

Digitales und Analoges müssen im Museum verschmelzen

Insbesondere in den USA arbeiten diverse Museen daran, ihre Ausstellungen für das digitale Zeitalter fit zu machen. Dazu integrieren sie neue Technologien in bestehende Präsentationskonzepte. Mit der Skin & Bones-App bietet etwa das Smithsonian National Museum of Natural History in Washington D.C. ebenfalls eine AR-Anwendung, die Ausstellungsstücke zum Leben erweckt.

Das Institute of Contemporary Art in Boston zeigt hingegen eine Installation des VR-Künstlers Samuel Walker als Teil der Ausstellung „Art in the Age of the Internet“, in der Besucher von einer virtuellen Flutwelle erfasst werden. Das virtuelle Erlebnis verschmilzt dabei mit der Architektur und Hafenumgebung des ausstellenden Instituts.

In der VR-Kunstinstallation View of Harbor werden die Besucher von einer virtuellen Flutwelle erfasst. © Studio Samuel Walker

In der VR-Kunstinstallation View of Harbor werden die Besucher von einer virtuellen Flutwelle erfasst. © Studio Samuel Walker

Für Catherine Devine, Chief Digital Officer im American Museum of Natural History, ist die richtige Integration des Digitalen der Schlüssel zum Erfolg. Gegenüber theverge.com erläuterte sie:

Für mich ist das Digitale nicht etwas, das einfach anbei stehen sollte. Es muss richtig in die physische Erfahrung integriert sein. Es muss das Erlebnis erweitern und dem physischen Raum eine einzigartige Ebene hinzufügen.

Die Entwicklung von VR- und AR-Anwendungen stellt die Museumslandschaft aktuell aber auch vor zwei Herausforderungen. Erstens erfordert die Entwicklung viel Geld und ist selbst für größere Institution nur durch finanzstarke Gönner stemmbar. Zweitens sind die Betreiber auf externes Know-How angewiesen, das gewöhnlich aus der Tech- und Startup-Szene stammt.

Shoutr Labs: Mixed Reality-Anwendungen direkt für den Browser

Ein innovatives Informationssystem für Museen und andere öffentliche Einrichtungen hat das Unternehmen Shoutr Labs aus Berlin entwickelt. Die Shoutr.Boxx streamt nämlich digitale Inhalte direkt auf die Smartphones der Besucher, ganz ohne Internetverbindung oder App-Installation. Als Gast befinden wir uns in einem geschlossenen WLAN-Netzwerk und können direkt per Browser zusätzliches Material zur Ausstellung abrufen.

Im Rahmen der Ausstellung Tristan – Berlin zeigt Zähne im Museum für Naturkunde Berlin erweckt Shoutr Labs so etwa einen T-Rex via AR zum Leben. Während die Besucher der Ausstellung vor Ort das echte Skelett eines Tyrannosaurus begutachten, lässt der Blick durchs Smartphone den Dino-König durch die Hallen des Museums stampfen.

Ein Informationssystem wie die Shoutr.Boxx lässt sich dabei für jedes erdenkliche Anwendungsgebiet mit Inhalten füllen. Die Berliner haben unter anderem bereits das Dali-Museum am Potsdamer Platz, das Musikinstrumenten-Museum Berlin und den Mathematisch-Physikalischen Salon im Dresdner Zwinger mit ihrer Technologie ausgestattet.

VR-Rides: Mit der Tram unterwegs im historischen Köln

Auch anderenorts finden immersive Technologien bereits Anwendung im deutschen Kulturbetrieb. TimeRide VR Cöln lässt uns beispielsweise via einer virtuellen Tramfahrt Kölns Altstadt vor 100 Jahren erleben. Im Nachbau der ersten elektrischen Straßenbahn tauchen wir in das Lebensgefühl der Kaiserzeit ein, während es für rund 15 Minuten vorbei an alten Häuserfassaden geht.

TimeRide VR Cöln ermöglicht eine historische Zeitreise ins Köln des frühen 20. Jahrhunderts. © TimeRide GmbH

TimeRide VR Cöln ermöglicht eine historische Zeitreise ins Köln des frühen 20. Jahrhunderts. © TimeRide GmbH

Die VR-Fahrt ist dabei in ein größeres Erlebnis eingebettet, in dem wir stereoskopische 3D-Fotografien der Stadt begutachten und ein Dokumentarfilm zusätzliche Informationen vermittelt. Die VR-Fahrt stellt so zwar eindeutig das Highlight dieser historischen Erfahrung dar, letztendlich sorgt aber auch hier der Mix verschiedener Elemente für ein rundes Erlebnis.

Eine gar 90-minütige Fahrt durch das historische New York bietet hingegen The Downtown Experience, bei der Besucher des Big Apple in einem echten Bus Platz nehmen. Anschließend geht es mit der VR-Brille auf dem Kopf durch das echte Straßennetz New Yorks vorbei an virtuellen historischen Stätten und Gebäuden.

Die Mona Lisa aus nächster Nähe betrachten? Im VR Museum of Fine Art kein Problem. © Finn Sinclair

Die Mona Lisa aus nächster Nähe betrachten? Im VR Museum of Fine Art kein Problem. © Finn Sinclair

Auch das National Air and Space Museum in Washington D.C. wartet mit gleich mehreren VR-Rides auf. Wie zu erwarten, entpuppen sich diese als Flug- oder Weltraumsimulationen. im Falle von Spacewalk: Danger in Orbit umkreisen wir hier beispielsweise die Internationale Raumstation.

Komplett abtauchen: Kunstwerke in VR erleben

In Virtual Reality erleben wir aber nicht nur historische Orte, sondern auch Kunst auf neue Art und Weise. Im VR Museum of Fine Art begutachten wir etwa in einer virtuellen Galerie eine Reihe berühmter Skulpturen und Gemälde. Dabei treten wir so nah an Da Vincis Mona Lisa heran, dass wir die feinen Risse in der alten Ölfarbe erkennen können – hochauflösenden Scans des Originals sei Dank.

Eine verlockende Erfahrung, denn das Original im Louvre gibt es nur hinter Schutzglas mit mehreren Metern Sicherheitsabstand zu sehen. Virtuelle Ausstellungsräume wie das VR-Museum eröffnen Kuratoren zudem die Möglichkeit, Werke gemeinsam auszustellen, deren Zusammenführung in der Realität ein großer logistischer Aufwand wäre.

Dreams of Dalí: Eintauchen in die Bildwelten des Meisterkünstlers. © Salvador Dali Museum, Inc

Dreams of Dalí: Eintauchen in die Bildwelten des Meisterkünstlers. © Salvador Dali Museum, Inc

Doch nicht nur Galerien lassen sich in VR erkunden, sondern auch die Kunstwerke selbst. So hat beispielsweise das Dali Museum in Florida eine VR-Erfahrung entwickelt, die uns in die surrealen Bilderwelten des bekannten Künstlers eintauchen lässt. Der VR-Erfahrung Dreams of Dali haben wir bereits an anderer Stelle ein ausführliches Review gewidmet.

EduVR: DIY-Kit für virtuelle Austellungsräume

Im April 2018 hatten wir beim APITs-Day (kurz für Applied Interactive Technologies) Gelegenheit, ein studentisches VR-Projekt der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin zu testen. Unter dem Arbeitstitel EduVR arbeitet das Team an einem VR-Toolkit für Museen.

Die Idee dahinter ist, den Einrichtungen eine Art Editor mit VR-Assets zur Verfügung zu stellen, mit dem unter Zuhilfenahme entsprechender Designer dann eine maßgeschneiderte VR-Erfahrung erstellt werden kann. Im Test-Level konnten wir nicht nur Platzhalter-Artefakte per HTC Vive-Controller in die Hand nehmen, sondern auch ein kleines Kombinationsrätsel mit ihnen lösen.

Das wiederum unterstreicht einen weiteren Vorteil von VR. Hier fuchteln wir bedenkenlos mit dem virtuellen Abbild eines 2.000 Jahre alten Gladius herum, ohne danach gleich aus dem Museum zu fliegen. Das macht wiederum die echten Artefakte nahbarer, auch wenn sie hinter Glas weggeschlossen bleiben.

Gehört ein virtueller Ausstellungsraum wie im VR Museum in Fine Art schon bald zum festen Bestandteil aller großen Kunstausstellungen? © Finn Sinclair

Gehört ein virtueller Ausstellungsraum wie im VR Museum in Fine Art schon bald zum festen Bestandteil aller großen Kunstausstellungen? © Finn Sinclair

Der APITs-Day ist eine Veranstaltung, die sich explizit dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Potential von Games-Technologien widmet. Der Konferenz- und Netzwerk-Tag fand dieses Jahr bereits zum dritten Mal im Rahmen der International Games Week Berlin statt und wird vom Anwendungszentrum creative Applied Interactive Technologies (cAPITs) ausgerichtet. Wer sich aus professioneller Sicht für Projekte wie EduVR oder deutsche Unternehmen wie Shoutr.Labs interessiert, sollte sich im nächsten Jahr für die kostenlose Veranstaltung anmelden.

Virtual Reality: Bildungsmedium und Empathiemaschine

Dass VR und AR zukünftig für den Kulturbetrieb eine zentrale Rolle spielen, unterstreicht auch eine neue Kooperation zwischen IT-Gigant Intel und der Smithsonian Institution. Smithsonian betreibt einige der größten und wichtigsten Museen der USA, wie beispielsweise das National Museum of American History, das American Art Museum oder das National Air and Space Museum.

Mit virtuellen Ausstellungen möchten beide Partner zukünftig jene US-Amerikaner erreichen, die aus finanziellen oder anderen Gründen diese Museen nicht besuchen können. Dafür sollen nach und nach immer mehr der rund 157 Millionen Ausstellungsstücke der Smithsonian Institution ihren Weg in die virtuelle Realität finden.

Richtig eingesetzt, kann uns Virtual Reality zum Lernen animieren. Sie weckt unseren Entdeckergeist und lässt uns Vertrautes aus einem neuen Blickwinkel wahrnehmen. Darüber hinaus ist besonders eine Eigenschaft von VR für die Kunst interessant, für die das Medium oft kritisiert wird: Die Abschottung von der Wirklichkeit.

Im Gespräch mit wbur.org äußerte sich Künstler Jon Rafman dazu folgendermaßen im Kontext der Herausforderungen von heutiger Kunst:

Kunst kämpft heute so stark um Aufmerksamkeit, weil es so viele Ablenkungen gibt. Der Überfluss an Informationen ist so groß. VR ist eine Technologie, die diesen Kampf gewinnt, weil sie dich praktisch gewaltsam in ihre eigene Welt sperrt.”

Einen Überblick zu den diesjährigen Entwicklungen im VR-Markt bietet unsere große VR-Jahresvorschau 2018. Dass wir zukünftig mit Headsets rechnen können, die VR und AR in einem Gerät vereinen, zeichnet sich zudem im Falle von Oculus Santa Cruz ab.

Wann wart ihr das letzte Mal im Museum? Würdet ihr einem virtuellen Museum einen Besuch abstatten? Schreibt uns in den Kommentaren!

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