Pico Goblin

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6

VR-World Rating

9.1

VR-User

Während HTC Vive und Oculus Rift seit über einem Jahr für mehr oder weniger großartige Momente sorgen, drängen nun auch autarke VR-Brillen auf den Markt. Wir haben uns die Pico Goblin genauer angesehen.

Ein VR-Headset mit eingebautem PC, ohne Kabel und volles Positionstracking – das wäre doch mal ein Traum! Nachdem Intel diesbezüglich das Hoffnungsprojekt Alloy sang- und klanglos eingemottet hat, liegen die Hoffnungen für solch leistungsfähige Standalone-Lösungen weitgehend brach.

Aber es gibt ja auch noch diverse Zwischenlösungen, die zwar nicht ganz so leistungsfähig sind, wie wir uns das wünschen würden, aber vielleicht doch überzeugen können. Die Rede ist natürlich von autarken VR-Brillen zwischen mobilem VR (Gear VR, Google Daydream) und den bereits genannten PC-basierten High-End-Headsets. So bauen beispielsweise HTC und Lenovo  Daydream-Headsets für Google und auch Oculus soll an einer autarken Zwischenlösung feilen.

Pico Interactive hat hier bereits ein Gerät parat: Das Pico Goblin. Wir haben uns das Gerät genauer angeschaut und sagen euch im folgenden Test, was es kann – und was nicht.

Die VR-Brille besteht vor allem aus Plastik und Hartgummi und ist einfach aber solide verarbeitet.

Die VR-Brille besteht vor allem aus Plastik und Hartgummi und ist einfach, aber solide verarbeitet.

Einfaches Design, mäßig komfortabel

Die VR-Brille Pico Goblin ist zweckmäßig aus Plastik und Hartgummi verarbeitet. Einen Design-Preis gewinnt die Brille nicht, aber uns kommt es auch eher auf die inneren Werte an. Wir finden den Einschaltknopf, einen Menü-Button, eine Eingabetaste und die Lautstärkeregelung direkt am Headset. Über einen 3,5mm-Klinkenanschluss lassen sich Kopfhörer anbringen. Wahlweise können wir auch den integrierten Mono-Lautsprecher nutzen.

Ein MicroSD-Kartenslot ermöglicht ein Upgrade des 16 GB großen Flash-Speichers und mit einem Rad oben auf dem Headset stellen wir die Blickschärfe über den Displayabstand ein. Die eingebaute Batterie hielt in unserem Test ca. zwei Stunden durch, das Aufladen dauert in etwa genauso lange.

Das Gummistück über der Nasenausbuchtung drückt unangenehm auf den Nasenrücken.

Das Gummistück über der Nasenausbuchtung drückt unangenehm auf den Nasenrücken.

Die Befestigung am Kopf erfolgt mit Hilfe von Klettbändern, die erstmalige Anpassung ist etwas umständlich. Ein recht breites, austauschbares Gesichtspolster würde eigentlich für bequemen Sitz sorgen, wenn da nicht die unbequeme Nasenauflage wäre: Ein kantiges Gummi drückt unangenehm auf den Nasenrücken – uns ist nicht ganz klar, was sich Pico dabei gedacht hat.

Mit 500 Gramm ist die VR-Brille recht schwer (zum Vergleich: HTC  Vive und Oculus Rift wiegen ohne Kabel und Headstrap ungefähr genauso viel, Gear VR kommt je nach verwendetem Smartphone auf ca. 470 Gramm), was sich auch nach einiger Tragezeit durch Druckstellen bemerkbar macht. Allerdings ist das auch abhängig davon, wie fest wir die Halterungen zurren.

Höhere Auflösung, aber mit deutlichem Fliegengittereffekt

Als wir die Goblin-VR-Brille erstmals aufsetzen und im Menü landen, beeindruckt uns vor allem die Schärfe des 360-Grad-Bildes um uns herum. Wir befinden uns in einem Heißluftballon über einem Fluss in einer offenbar asiatischen Gegend mit Reisfeldern und typischen Pagodengebäuden. Die Farben sind satt und klar, das Bild ziemlich scharf.

Während HTC Vive und Oculus Rift mit einer Gesamtauflösung von 2.160×1.200 Pixeln (1.080×1.200 Pixel pro Auge) arbeiten, bietet das Pico VR customized TFT-Display bereits 2.560×1.440 Pixel. Befeuert wird die Aussicht von einem Qualcomm 821 Snapdragon (der auch in verschiedenen Smartphones zum Einsatz kommt) auf Basis des Android-Betriebssystems. Größter Vorteil daran: Uns nervt kein Kabel, die Brille muss nicht an den PC angeschlossen ein.

Zur Veranschaulichung: Der Fliegengitter- oder Screendoor-Effekt bei der Oculus Rift DK 1 (links) und der DK 2 (rechts). Obwohl verbessert, fällt der Effekt weiterhin stark auf.

Zur Veranschaulichung: Der Fliegengitter- oder Screendoor-Effekt bei der Oculus Rift DK 1 (links) und der DK 2 (rechts). Obwohl verbessert, fällt der Effekt in VR weiterhin stark auf.

Trotz der verbesserten Schärfe der Bilder fällt uns aber der Fliegengittereffekt je nach Hintergrund teilweise deutlich auf. Eine höhere Auflösung entfernt nämlich nicht sofort das lästige Netz im Bild. Dafür muss die Anzahl der Pixel pro Zoll (PPI) nämlich auch noch stark steigen.

Pixeldichte und Bewegungsfreiheit

HTC Vive und Oculus Rift liegen hier bei rund 450 PPI, das Smartphone Galaxy S8 (das für Gear VR genutzt werden kann) hat 570 PPI. Pico liegt mit 534 PPI dazwischen. Die Pico Goblin hat also zwar eine höhere Gesamtauflösung, die Pixeldichte liegt aber unter aktuellen VR-fähigen Smartphones.

Die Bildwiederholungsrate liegt bei 70 Hz, der Sichtwinkel (FOV) bei 92 Grad. Das sind beide Male rund 20 Punkte unter den PC-basierten Headsets. Positionstracking bietet das Headset nicht, wir bleiben also an der von der Anwendung jeweils vorgegebenen Stelle und können uns auch nur mit Three Degrees of Freedom (3DOF; Vor und Zurück, Hoch und Runter, Links und Rechts) bewegen bzw. über den Controller mit der Umgebung interagieren.

Schnelle Bewegungen mit dem Kopf werden verzögerungsfrei dargestellt, allerdings hatten wir immer mal wieder Probleme mit dem Controller-Tracking.

Einschränkungen durch Bluetooth-Controller

Das Controller-Tracking erfolgt über Bluetooth, dafür haben wir einen simplen kleinen Plastik-Controller mit einem Menü-Button und dem Touchpad auf der Oberseite, sowie einem weiteren Button an der rechten Längsseite. Der Controller ist nicht viel mehr als ein simples Zeigegerät, dessen Batteriefach sich ständig öffnet, wenn wir zu fest drücken. Zu Beginn wird der Controller kurz kalibriert, dann wird er (je nach Menü-Einstellung) links oder rechts dargestellt (also dort, wo die Brille unsere Hand vermutet).

Der Bluetooth-Controller für die Pico Goblin ist ein ganz simples und deshalb auch sehr eingeschränktes Eingabegerät.

Der Bluetooth-Controller für die Pico Goblin ist ein ganz simples und deshalb auch sehr eingeschränktes Eingabegerät.

Die Position trifft dabei kaum die tatsächliche Position unserer Hand, der Controller befindet sich meistens ein gutes Stück höher. In vielen Fällen gewöhnten wir uns daran, in anderen war das aber deutlich unpraktisch. Schon hier zeigt sich, dass solche VR-Brillen nur begrenzt virtuelle Realität vermitteln können. Wenn wir den Controller nicht nutzen, steht uns eine Eingabetaste rechts am Headset zur Verfügung.

Im Verlauf unseres Tests kam es zudem immer wieder zu Eingabeverzögerungen oder Positionsschwierigkeiten, beispielsweise zur Veränderung der Grundposition des Controllers bei Bewegung. Dabei rutschte der Controller in VR immer weiter in eine bestimmte Richtung. Über das Halten der Menütaste kann die Ausrichtung immerhin wieder zurückgesetzt werden. Davon abgesehen, funktionierte das Bluetooth-Tracking und die Auswahl von Menüpunkten oder Interaktion in Spielen im Rahmen der Möglichkeiten verhältnismäßig zuverlässig.

Bislang gibt es für die Pico Goblin vor allem Simpel-Spielchen, die uns nicht von der Hardware überzeugen konnten.

Bislang gibt es für die Pico Goblin vor allem Simpel-Spielchen, die uns nicht  überzeugen konnten.

Hauptproblem der Pico Goblin: Die Inhalte

Richtig problematisch wird es dagegen bei den Inhalten. Besitzer der Goblin VR-Brille können nur über die hauseigene Plattform Pico VR Inhalte herunterladen, aktuell stehen über 50 Anwendungen zur Verfügung. Der bekannteste Titel dürfte das Magieduell-Spiel Wands sein, in dem wir mit einem individuell zusammengebauten Zauberstab fiese Sprüche auf Gegner loslassen. Oder es bloß versuchen, denn im Test haben wir es nicht hinbekommen, einen Zauberspruch auszulösen, weder mit der Eingabetaste direkt am Headset, noch mit dem Controller.

Es mag vielleicht daran liegen, dass der Bluetooth-Controller überhaupt nicht damit funktioniert. Die schematische Zeichnung innerhalb des Spiels stellte jedenfalls entfernt so etwas wie einen Xbox-Controller dar. Allerdings konnten wir keinen Xbox-Controller mit dem Headset koppeln, eine Erkennung fand auch über Bluetooth nicht statt.

Das bekannteste Spiel funktionierte also nicht, daher haben wir uns weitere Spiele angesehen. AFFECTED -The Manor bietet eine Horrorerfahrung mit Jumpscares, „Spinnenfreunde“ dürfen sich in Attack of Bugs in einfacher Shooter-Manier gegen Achtbeiner zur Wehr setzen. Baskhead Training versetzt uns in die Rolle eines Basketballkorbs, der an das Headset gekoppelt ist. Mit Kopfbewegungen versuchen wir, den Basketballregen im Spiel in den Korb zu lenken.

Skyfighter ist ein simples Raumschiff-Shoot’em’Up, in dem wir durch einen Spacetunnel fliegen und mit dem Kopf auf Raumschiffe zielen um sie dann per Knopfdruck mit einem Laser auszulöschen. Diverse Puzzlespiele wie QB oder Slice & Dice schafften es schon eher in die Kategorie „irgendwie wertvoll“ – das wars dann aber auch.

Simpelspielchen sind kein Kaufargument

Ihr seht schon: Die meisten Spiele sind von Komplexität weit entfernt, was natürlich nicht zuletzt an der mäßigen Eingabe liegt. Die Eingabetaste am Headset oder der simple Controller lassen eben nur wenig Interaktion zu. Grafisch sah das, was wir von Wands gesehen haben, noch am besten aus. Die anderen Minispielchen machten eher den Eindruck von 90er-Jahre-Arcade-Games.

Über die Knöpfe an der rechten Seite lassen sich simple Spielchen auch ohne Controller bedienen.

Über die Knöpfe an der rechten Seite lassen sich simple Spielchen auch ohne Controller bedienen.

Darüber hinaus gibt es auch jede Menge unnützer Apps, etwa einen unglaublich minderwertigen Achterbahn-Shooter. Hier zeigt sich deutlich das Problem, das das Pico Goblin-Headset haben dürfte: Ohne eine breite Inhaltsbasis, die halbwegs populäre Plattformen wie etwa Daydream einschließt, wird sich kaum jemand für die VR-Brille interessieren. Die höhere Auflösung hilft nicht, wenn wir maximal über die Videoplattform VeeR 360-Videos schauen können, populäre Apps wie Within oder Jaunt VR aber gar nicht unterstützt werden.

Auch für VR-Filme zu eingeschränkt

Der Web-Browser ist zwar einigermaßen brauchbar, wird allerdings viel zu weit von uns entfernt dargestellt. Darüber hinaus ist es kaum möglich, online ordentlich Filme zu schauen – die Übersetzung in den VR-Modus klappt nur selten oder der entfernte Webseitenbildschirm bleibt einfach schwarz.

Gerade bei Filmen hätten wir noch die beste Nutzungsmöglichkeit gesehen, aber App-Angebot und Web-Nutzung sind einfach (noch) zu schwach auf der Brust. Möchte Pico die Goblin wirklich voranbringen und einer größeren Nutzerbasis zugänglich machen, dann muss es sich für andere Plattformen öffnen. Mit Pico VR als ausschließlichem Inhaltslieferanten werden sie – vor allem beim aktuellen Preis von 299 Euro – ganz schnell in der Versenkung verschwinden.

Das ist gut

  • Einfaches Design ohne Schnickschnack
  • Schärferes Bild dank hoher Auflösung
  • Einfache Bedienung
  • Schnell einsatzbereit

Das geht besser

  • Komfortmängel
  • Trackingprobleme beim Controller
  • Deutlicher Fliegengittereffekt
  • Sehr schwache Inhaltsbasis

Fazit

Ich bin ehrlich gesagt enttäuscht, denn die Goblin hätte eigentlich eine coole Alternative zu anderen VR-Brillen sein können, vor allem wenn es um Filme geht. Aber der mitgelieferte Software-Umfang ist zu dünn, die Interaktions- und Einstellungsmöglichkeiten (beispielsweise beim Browser) zu gering. Darüber hinaus setzt Pico ähnlich Oculus auf einen Privatstore – nur steckt da kein milliardenschweres Unternehmen hinter, das hochwertige Inhalte produziert. Pico wird mit der Goblin meiner Einschätzung nach die Luft ausgehen, denn die Inhalte sind einfach nicht interessant genug, um eine 300 Euro-Investition zu rechtfertigen. Große Plattformen wie Google Daydream werden gar nicht erst unterstützt. Dazu kommt einfach zu wenig Komfort, sowohl was das Tragen angeht, als auch die Bedienung mit dem suboptimalen Bluetooth-Controller. Aktuell empfehle ich abzuwarten, ob und was noch für diese Brille kommt und eventuell zu einem späteren Zeitpunkt zu einem günstigeren Preis zuzuschlagen.
6

VR-World Rating

Verarbeitung: 7
Installation: 8
Bedienung: 7
Controller: 4
Tracking: 5
Komfort: 6
Inhalte: 4
Preis: 5

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