Oculus Rift: Verzockt sich Facebook mit VR?

Oculus Rift VR Kolumne
Wo will Facebook mit VR hin?

Die Preise für die Oculus Rift befinden sich gefühlt in einer stetigen Abwärtsbewegung. Verzockt sich Facebook mit dieser Strategie oder geht die Rechnung irgendwann auf?

Oculus hat eine bewegte Vergangenheit: Gerichtsverfahren, Strafzahlungen im sechsstelligen Bereich, Personalquerelen und Entlassungen (Palmer Luckey), Probleme mit dem Tracking der Oculus Rift und – als Dauerbrenner – die Abschottungspolitik für ihre Inhalte. Einiges davon ist auch aktuell noch ein Problem: Das Tracking ist besser geworden, bedarf aber bei geringster Verstellung der Kameras einer kompletten Neu-Kalibrierung, die Exklusiv-Politik wird aggressiv weitergefahren und der Rechtsstreit mit Zenimax dürfte hinter den Kulissen weiterschwelen.

ZeniMax verklagt Oculus auf insgesamt eine Milliarde Dollar sowie einen Verkaufsstopp der Oculus Rift. © Zenimax / Oculus / Facebook / VR-World

ZeniMax hat Oculus auf insgesamt eine Milliarde Dollar sowie einen Verkaufsstopp der Oculus Rift verklagt.

Und wieder runter mit dem Preis!

Trotz dieser Probleme scheint Oculus aber nicht etwa zurück zu stecken, sondern geht unbeirrt seinen Weg. Hochwertige Exklusiv-Spiele wie Lone Echo begeistern die (eingeschränkte) Kundschaft und gleichzeitig wird der Preis ständig gesenkt. Anfang des Jahres gab es die erste große Preissenkung, währen der Summer of Rift-Aktion kostete das Rift & Touch-Bundle dann nur noch 449 Euro. Danach ging der Preis kurzzeitig wieder rauf auf 589 Euro, während Konkurrent HTC ebenfalls mit einer Verbilligung der HTC Vive um satte 200 Dollar Paroli bot.

Zur Oculus Connect 4, die gestern stattfand, wurde der Preis nun erneut auf 449 Euro gesenkt – dauerhaft! Damit liegt die Oculus Rift nun gleichauf mit mehreren Windows Mixed Reality-Headsets und sogar volle 50 Euro unter dem Preis der PlayStation VR. Das kann man nun wirklich als Kampfpreis ansehen. Aber ist diese Entwicklung überhaupt sinnvoll oder gesund für die noch relativ junge VR-Branche?

Und wieder fällt der Preis für die Oculus Rift.

Und wieder fällt der Preis für die Oculus Rift.

Langfristiges Kalkül

Nun, das kann Nicht-Rift-Besitzern eigentlich egal sein. Wer aber als VR-Enthusiast das Vorankommen der gesamten Branche befürwortet,  kann schonmal skeptisch dreinschauen, wenn der Preis für eine Top-VR-Brille innerhalb von weniger als einem Jahr um fast die Hälfte fällt. Allerdings wäre es völlig verfrüht, davon zu sprechen, Facebook sei verzweifelt oder habe sich verzockt. Wenn man sich das Gesamtbild anschaut, dann steckt klares Kalkül hinter der Preispolitik.

Einmal wäre da natürlich die gute Presse: Nur noch 449 Euro für ein High-End-Headset! Diese Schlagzeilen werden ganz simpel zweimal in Folge abgerufen. Die Rückkehr zu einem etwas höheren Grundpreis geschah nur aus PR-Gründen. Und das ist auch verständlich, denn mit dem Signal, das schon die erste Generation VR-Brillen bezahlbar wird, deutet Oculus eine Richtung an: Mit uns geht’s voran, wir bringen VR langsam aber sicher in den Massenmarkt.

Auf dem Weg ins Metaverse

Und es geht ja wirklich mit Oculus voran. Nicht bloß die Investitionen in dringend benötigte Inhalte sorgen für Freude bei Rift-Besitzern, auch das neue Oculus Dash geht einen deutlichen Schritt in Richtung Metaverse. Wir wollen den 2D-Monitor überflüssig machen, so die Devise des VR-Herstellers. So vollmundig das klingt, so realistisch ist das durchaus für die nächste Generation der VR-Brillen: Wenn Auflösung und Komfort besser werden, dann werden wir ganz sicher sehr viel mehr Zeit in VR verbringen.

Eine intuitive Bedienung von VR, das komfortable Dazuschalten von Videos, Chats, Email-Verkehr und anderen Dingen, mit denen wir stündlich, minütlich umgehen, das soll Oculus Dash ab Dezember bieten. Wir müssen natürlich abwarten wie gut die Umsetzung ist, die Richtung ist aber ganz klar auf Fortschritt gepolt.

Datenschwamm und Werbungsplattform für Facebook

Facebook verdient aktuell wahrscheinlich kein Geld mit Oculus, es wird sogar mit ziemlicher Sicherheit ein Millionengrab sein. Aber die Strategie des Konzerns scheint langfristig angelegt zu sein. Wie könnte die Vision des Mark Zuckerberg für die Virtuelle Realität aussehen? Das ist nicht schwer zu erraten. Je mehr Zeit die Nutzer in VR verbringen, je einfacher die Nutzer zwischen verschiedenen sozialen Räumen wie Facebooks Spaces und Oculus Home wechseln können, je einfacher die VR-Nutzer innerhalb von VR ihrer Arbeit und Kommunikation miteinander nachgehen können, desto lukrativer die Möglichkeiten.

Dazu gehören Produktplatzierungen und natürlich eine noch viel umfangreichere Möglichkeit, Daten zu sammeln. Ein wirklich großes Metaverse mit vielen sozialen Spielplätzen, vielleicht sogar Einkaufsmöglichkeiten und Entertainment-Angeboten: Das wäre für einen Datenriesen wie Facebook ein totales El Dorado, noch viel mehr als es die Facebook-Plattform jetzt schon ist.

Die virtuelle Parallelwelt ist noch entfernt, aber unmöglich ist sie längst nicht mehr.

Wollt ihr die Parallelwelt auch?

Für Datenschützer ist das ein Graus. Und natürlich ist die Frage wichtig, wieviel wir von uns im Metaverse preisgeben (müssen). Produktplatzierungen in der virtuellen Welt, so sie nicht aufdringlich und nervig sind, werden dagegen niemanden ernsthaft stören. Aber nur in diese Richtung gedacht macht die aggressive Preispolitik Sinn.

Facebook und Oculus setzen die Konkurrenz unter Druck, erhöhen ihren Marktanteil durch heftige Investitionen (den aktuellen Verlust kann man durchaus als Investition sehen), sorgen für viele exklusive Inhalte und sind bei der Entwicklung des Metaverse marktführend. Mal ganz ehrlich: Ab einer bestimmten Funktionalität, wer will dann nicht dabei sein, wenn die Parallelwelt durchstartet?

In einer beeindruckenden Demo werden die Interaktionsmöglichkeiten in VR durch die Valve Knuckles gezeigt. © Zulubo Productions

In einer beeindruckenden Demo werden die Interaktionsmöglichkeiten in VR durch die Valve Knuckles gezeigt. Damit wird die Hand richtig in VR integriert.

Verpassen HTC, Valve und Microsoft den Zug?

Das ist natürlich nur der Idealfall. Diese Annahme würde implizieren, dass HTC, Valve, Microsoft einfach kampflos aufgeben. Aktuell sieht es hier nicht unbedingt rosig aus, auch wenn die Valve Knuckles das Zeug zu einem VR-Controller-Hit haben. Steam VR ist lange nicht so intuitiv wie Oculus Dash aussieht. Und wo bleiben eigentlich Valves angekündigte VR-Spiele?

Zwar hat HTC sich eine fette Finanzspritze durch den Verkauf eines Teils seiner Smartphone-Sparte geholt, gegen Facebooks Milliarden können sie aber nicht anstinken. Und sie sorgen einfach nicht für den Wirbel, den Oculus veranstaltet: Die letzten großen News von HTC waren (neben dem Preisnachlass) der Vive Tracker und die Arbeit an Wireless-Addons mit Intel. Wo ist hier die intuitive Bedienung, wo sind die 3D-Apps vom Desktop, die einfache Kommunikation? „Nur“ das aktuell beste Tracking zu haben reicht nicht aus. Die Usability, der Komfort, die bessere Hardware, die Inhalte machen am Ende das Rennen.

Und was macht Microsoft? Wir müssen abwarten, was die Redmonder wirklich aus Windows Mixed Reality machen. Sollte das Inside-Out-Tracking gut funktionieren, wäre das ebenfalls ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings fehlt dem System ein sinnvoller, immersiver Controller damit wir richtig in VR als Arbeitsplattform abtauchen könnten. Microsoft hat auch noch nichts zu einer eventuellen Office-Umsetzung für VR verlauten lassen.

Kein Verzocken, nur ein Plan

Unterm Strich verzockt sich Facebook also keinesfalls, auch wenn der Plan scheitern kann. Der Konzern verfolgt eine klare Strategie, betreibt eine aggressive Investitionspolitik und versucht, so viele VR-Enthusiasten wie möglich in sein geschlossenes Ökosystem zu „zwingen“, damit es irgendwann durch exklusive Inhalte und technischen Vorsprung ein Selbstläufer wird. Aus der Sicht von Facebook und Oculus ist das plausibel, der geneigte VR-Enthusiast sieht in der Fragmentierung des Marktes eher ein Problem. Ob sich Oculus vollumfänglich zum OpenXR-Standard bekennen wird, ist fraglich, obwohl Absichtsbekundungen bereits getätigt wurden.

Wirklich cool ist die Richtung, in die sich Oculus bewegt: Das Metaverse ist es, was jeden Ready Player One-Fan begeistert, eine virtuelle Parallelwelt kann sehr viele Vorteile bieten (Nachteile natürlich auch, das will ich keinesfalls unter den Teppich kehren!) und die Erwartungen, die daran gestellt werden, sind schier grenzenlos.

Ob der Plan für Facebook aber wirklich aufgeht und ob Zuckerberg & Co. wirklich die Geduld und die nötigen, andauernden, massiven Investitionen aufbringen, um an den gewünschten Punkt zu kommen – das müssen wir wieder einmal schlicht abwarten.

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